Brandfolgen realistisch bewerten

Nach Bränden in Schulen und Kindergärten sind viele Eltern besorgt. Das IFS hilft, die Gesundheitsrisiken durch die Brandfolgen einzuschätzen

Nach einem Feuer in einer Schule oder in einer Kita fühlen sich viele Eltern unwohl bei dem Gedanken, dass ihre Kinder täglich viele Stunden in den möglicherweise belasteten Räumen verbringen. Das IFS ermittelt nicht nur Brandursachen, es bewertet auch sogenannte Brandfolgeschäden und erstellt Konzepte für die Reinigung, Sanierung und Entsorgung. Ein Gespräch mit dem Gutachter hilft Betroffenen, die Gesundheitsgefahren einzuschätzen, die durch ein Feuer entstehen. „Diese Risiken können zwar durchaus erheblich sein, aber sie werden von Laien häufig stark überbewertet“, sagt Dr. Jacob Duvigneau. Der Chemiker trägt im IFS die Fachverantwortung für die Untersuchung von Brandfolgeschäden und hat schon zahlreiche Informationsveranstaltungen für Eltern durchgeführt. Dabei vermittelt er Grundlagen zu Gefahrstoffen, damit sich die Teilnehmer ein eigenes Bild der Situation machen zu können.

Bei den problematischen Verbindungen, die an Brandstellen zurückbleiben, handelt es sich vor allem um Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Sie entstehen bei der unvollständigen Verbrennung nahezu aller organischen Verbindungen, wie etwa Holz oder Kunststoff; viele dieser Verbindungen sind krebserregend. Der Zielwert einer Brandschadensanierung liegt im Wohnbereich bei unter 10 µg/m2. Um die festgelegten Werte in ein vorstellbares Verhältnis zu setzen, zieht Duvigneau gern Vergleiche von unserem Speiseplan heran: „Mit 200 Gramm Steak vom heimischen Grill nimmt man zum Beispiel 10 µg des PAK Benzo(a)pyren auf“, erklärt er. Denn häufig fehlt es den Eltern vor allem an Vertrauen in das Sanierungsergebnis. Für Dioxine, die entstehen, wenn größere Mengen PVC oder Holzschutzmittel unvollständig verbrennen, liegt der Sanierungszielwert in Räumen, die dem ständigen Aufenthalt von Menschen dienen, bei unter 10 ng/m2. Zum Vergleich: Meeresfisch kann bis zu 35,7 ng Toxizitätsäquivalent pro Kilogramm Fett enthalten.

Kein Ruß, wenig Schadstoffe

Schadstoffe wie PAK befinden sich an der kalten Brandstelle vor allem im Ruß und nur in weitaus geringerem Maße in der Raumluft. Mit der Beseitigung der Verschmutzungen verschwinden demnach auch sie. Welche Schadstoffe überhaupt entstehen und in welcher Konzentration, hängt unter anderem von der Brandlast und den Brandbedingungen ab. Unter Sauerstoffmangel entsteht ein Schwelbrand, der selbst bei vergleichsweise kleiner räumlicher Ausdehnung sehr viel Ruß erzeugen kann. Die Verunreinigungen nehmen gewöhnlich mit der Entfernung vom Brandherd stark ab. Ein Brandareal kann darum sehr unterschiedlich belastet sein.

Der Gutachter dokumentiert diese Unterschiede durch eine Einteilung in Gefahrenbereiche (GB) nach der VdS-Richtlinie 2357. GB 0 steht in der Regel für minimale Verschmutzungen in einem kleinen Bereich. Dort können die Brandfolgen von jedermann mit haushaltsüblichen Mitteln beseitigt werden. Ab GB 1 ist die Schadenstelle als kontaminierter Bereich im Sinne der einschlägigen Regelwerke zu betrachten. Die Reinigungs- und Sanierungsarbeiten sollten deshalb von Fachfirmen vorgenommen werden.

Viele Zimmer-, Keller- und Dachstuhlbrände fallen in diese Kategorie. Die Anforderungen steigen im GB 2 – wenn beispielsweise größere Mengen Kunststoff verbrannt sind – und im GB 3, einem Brand unter Beteiligung oder Freisetzung von Gefahrstoffen. Relevant ist die Einteilung für die Sanierungsmaßnahmen und den Personenschutz. Nach einer erfolgreichen Sanierung sind die Anforderungen an alle Bereiche die gleichen: Ein bedenkenlos nutzbarer Raum.

 

Die Gefahrenbereiche gemäß der VdS 2357

 

Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 0 zugeordnet wird.
Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 0 zugeordnet wird.

Gefahrenbereich 0 (GB 0):
Räumlich eng begrenzte Ausdehnung (ca. 1 m²) des deutlich sichtbar bis stark brandverschmutzten Bereichs, z. B. Brand eines Papierkorbs, Kerzengestecks oder einer Kochstelle,
oder
größere Ausdehnung, jedoch mit minimaler Brandverschmutzung.

 
 
 

Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 1 zugeordnet wird.
Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 1 zugeordnet wird.

Gefahrenbereich 1 (GB 1):
Brände mit deutlich sichtbarer Brandverschmutzung und gegenüber GB 0 größerer Ausdehnung des kontaminierten Bereiches, bei denen haushaltsübliche Mengen an kunststoffhaltigen Materialien verbrannt sind oder bei denen auf Grund der Brandbedingungen und des Brandbildes keine gravierende Schadstoffkontamination auf der Brandstelle zu erwarten ist.

 
 
 

Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 2 zugeordnet wird.
Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 2 zugeordnet wird.

Gefahrenbereich 2 (GB 2):
Brände mit einer größeren Ausdehnung des kontaminierten Bereiches und sehr starker Brandverschmutzung, an deren Entstehung größere Mengen kunststoffhaltiger Materialien, insbesondere chlor- oder bromorganische Stoffe wie PVC beteiligt waren (z. B. stark belegte Kabeltrassen, Lagermaterialien) oder bei denen aufgrund des Brandbildes und des Brandablaufes eine gravierende Schadstoffkontamination auf der Brandstelle vorliegt. Typisch für GB 2 sind Schwelbrandsituationen unter weitgehendem Bestand der Gebäudehüllen, die zu einer allflächigen Brandverschmutzung führen.

 

Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 3 zugeordnet wird.
Beispiel für eine Brandstelle, die dem GB 3 zugeordnet wird.

Gefahrenbereich 3 (GB 3):
Brände, bei denen neben dem Vorhandensein der Brandfolgeprodukte zusätzlich mit größeren Mengen biologischer Arbeitsstoffe bzw. Gefahrstoffe oder gefahrstoffhaltiger Produkte zu rechnen ist. Diese können als Roh-, Hilfs- oder Betriebsstoffe oder im Gebäude- und Anlagenbereich vorhanden sein. So ist insbesondere die Beteiligung von Asbest und künstlichen Mineralfasern (KMF) zu berücksichtigen. Zusätzlich können kritische biologische Arbeitsstoffe entweder direkt freigesetzt werden (z. B. biologische Laboratorien der Schutzstufe 3) oder auch durch nachfolgende Prozesse (z.B. verwesende Tiere) entstehen.

Solange eine Einstufung in die Gefahrenbereiche nicht erfolgt ist, ist der Schadenbereich analog GB 3 zu behandeln.

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