Wasserstoffperoxid sprengt den Tank

Alle Oberflächen im Lager – wie hier der Deckel eines weiteren Tanks – sind mit weißen Ablagerungen belegt.
Alle Oberflächen im Lager – wie hier der Deckel eines weiteren Tanks – sind mit weißen Ablagerungen belegt.

Bei der Lieferung von neuen Chemikalien war in der Regel immer ein Mitarbeiter der Färberei anwesend. Doch an diesem Morgen war der Ablauf anders. Als der zuständige Mitarbeiter eintraf, hatte der Fahrer des Zulieferers die Tanks im Chemikalienlager bereits befüllt. Die Füllhöhen stimmten, und die Lieferung wurde quittiert. Einen Tag später kam es zu einem Unfall.

Ein hoher Innendruck hatte den Deckel vom Tank für die Wasserstoffperoxid-Lösung gesprengt. Der Inhalt war größtenteils herausgeschleudert worden. Kunststoffrohre, die unter der Decke verliefen, hatten sich verformt, der Lagerraum und die angrenzende Produktion waren mit Dampf gefüllt, und der Fußboden des Lagers war mehrere Zentimeter hoch mit Wasserstoffperoxid bedeckt. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.

Im Tank für die Wasserstoffperoxid-Lösung befindet sich noch ein Rest Flüssigkeit.
Im Tank für die Wasserstoffperoxid-Lösung befindet sich noch ein Rest Flüssigkeit.

Ein IFS-Gutachter sollte herausfinden, wie es zu dem Schaden kommen konnte. Beim Untersuchungstermin stand der Lagerraum nicht mehr unter Wasserstoffperoxid. Doch die thermischen Schäden an den Kunststoffrohren im Raum und Lackschäden im unteren Bereich der Tür zeugten noch von der unbeabsichtigten Verteilung der Lösung. Alle Oberflächen waren zudem mit weißen Ablagerungen bedeckt. Im Tank für Wasserstoffperoxid befand sich noch ein Rest Flüssigkeit. Der Gutachter nahm eine Probe, und deren Analyse verriet, was geschehen war:

Neben der Wasserstoffperoxid-Lösung war am Vortag des Schadens auch Natronlauge geliefert worden. Die Untersuchungsergebnisse zeigten, dass knapp vier Liter Lauge in den Wasserstoffperoxidtank geraten waren.

Die Flanschanschlüsse für die Befüllung der Tanks
Die Flanschanschlüsse für die Befüllung der Tanks

Diese Menge entsprach etwa der, die im Füllschlauch zurückbleibt. Bei der Lieferung muss der Schlauch beim Wechsel zwischen den Chemikalien gespült werden. Offensichtlich hatte der Fahrer den Tank für die Natronlauge und anschließend den für Wasserstoffperoxid befüllt, ohne den Schlauch zu spülen.

Eine Wasserstoffperoxid-Lösung ist nicht stabil; sie neigt zum Zerfall in Wasser und Sauerstoff. Die Natronlauge wirkt hier wie ein Katalysator. Das heißt, die Selbstzersetzung des Wasserstoffperoxids wird beschleunigt. Dieser Prozess ist exotherm; es wird Wärme freigesetzt. Die steigende Temperatur schaukelt die Zersetzung weiter auf.

Im Tank stieg also die Temperatur zunächst langsam und dann immer schneller an. Der Druck stieg gleichermaßen, bis schließlich der Deckel durch das Lager flog, gefolgt vom Tankinhalt. Bei den weißen Ablagerungen auf den Oberflächen handelte es sich teilweise um Natriumcarbonat – das Natriumhydroxid in der Lauge hatte mit dem Kohlendioxid der Luft reagiert.

Der Fahrer hat möglicherweise nicht gewusst, warum die Schläuche gespült werden mussten. Selbst wenn genau geregelte Betriebsabläufe nicht immer einleuchten, ist es wichtig, sich daran zu halten.

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