Explosive Dämpfe von nebenan

Die Scheiben im Kellerraum sind geborsten.
Die Scheiben im Kellerraum sind geborsten.

Eine Büroangestellte dachte, ein Lastwagen sei gegen das Gebäude gefahren, als sie eine dumpfe Erschütterung spürte. In der Werkstatt fiel Mitarbeitern des Kunststoffwerks etwas später auf, dass die Heizung nicht mehr funktionierte. Der Betriebsschlosser ging daraufhin in den Heizungsraum und stieß auf erhebliche Schäden am Heizkessel und am Gebäude selbst. Unter anderem lag der Ölgebläsebrenner abgerissen vor dem Kessel, und die Scheiben des Raumes waren geborsten.

Ein IFS-Gutachter untersuchte die Schadenstelle: Zweifellos hatte es eine Explosion gegeben. Doch warum? Im Feuerungsraum befanden sich keine Verschmutzungen oder Ablagerungen von Öl. Auch Hinweise auf einen Ölaustritt konnte der Gutachter nicht finden. An der Steuerung war zu erkennen, dass der Brenner zum Schadenzeitpunkt auf Stand-by gestanden hatte. Ein Gemisch aus Heizöldämpfen und Luft war hier nicht verpufft.

Der ebenerdige Lüftungsschacht.
Der ebenerdige Lüftungsschacht.

Da der Gebläsebrenner die Raumluft zur Verbrennung benötigte, gab es im Raum zwei Lüftungsöffnungen. Eine davon war ein ebenerdiger Schacht, der eine Verbindung zum Nachbargrundstück herstellte. Dort war ein Chemiebetrieb angesiedelt – und dort fand der Gutachter auch die Schadenursache.

Auf dem Gelände gab es mehrere in den Boden eingelassene Becken, in denen Produktionsabwässer neutralisiert wurden. An den nicht vollständig dichtschließenden Deckeln waren Rohre zur Absaugung von Lösemitteldämpfen montiert.

Die Neutralisationsbecken des Nachbarbetriebes.
Die Neutralisationsbecken des Nachbarbetriebes.

Der Produktionsleiter des Chemiebetriebes hatte die Explosion beim Nachbarn ebenfalls beobachtet: Er habe einen lauten Knall gehört, sagte der Mann. Dann sei eine Flammenwand aus dem Heizungsraum getreten und leere Kunststofffässer, die vor dem Gebäude aufgestellt waren, seien durch die Luft gewirbelt. Wenige Sekunden später seien Flammen an einem der Neutralisationsbecken zu sehen gewesen. Das Feuer konnten seine Mitarbeiter mit einem Pulverlöscher selbst löschen.

Mit dieser Schilderung fügten sich die Ereignisse zu einem vollständigen Bild des Schadenhergangs: Aus dem Neutralisationsbecken waren Lösungsmitteldämpfe ausgetreten. Das Gelände fiel zum Nachbargrundstück leicht ab und war durch Gebäude vor Wind geschützt. Da sie schwerer sind als Luft, strömten die Dämpfe in Bodennähe in Richtung Heizungsraum und gelangten durch den Lüftungskanal ins Innere. Dort sammelte sich ein zündfähiges Gas-Luftgemisch. Wegen der Wärme im Brennraum und der nicht vollständig dichten Luftansaugklappe des Brenners gab es eine Luftströmung in den Schornstein. Darum zog das explosive Gemisch auch in den Heizkessel. Nun fehlte nur noch ein Zündfunke – etwa das Schalten eines Relais der Heizung –, und es kam zur Verpuffung.

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