Brände durch Wärmedämm-Verbundsysteme mit Polystyrol

Feuer hat von einer Mülltonne auf die gedämmte Fassade übergegriffen.
Feuer hat von einer Mülltonne auf die gedämmte Fassade übergegriffen.

Deutschland saniert. Energiesparen ist angesagt, und darum werden landauf, landab Gebäude in Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) gehüllt. Das wird gefördert und gefordert. Als Dämmstoff zugelassen und als schwer­entflammbar klassifiziert ist Polystyrol oder genauer „expandiertes Polystyrol“, kurz EPS.

Der Kunststoff ist bei der energetischen Sanierung häufig das Mittel der Wahl für den Wärmeschutz der Außenwände. Mauerwerk und Beton verschwinden also zusehends hinter EPS-Platten. „Damit ändert sich allerdings der brandschutztechnische Charakter der Gebäudehülle“, sagt IFS-Gutachter Dr. Jacob Duvigneau.

Das Beitragsbild oben zeigt eine Folge dieses Wandels von „nicht brennbar“ zu „schwerentflammbar“: Vor einem Wohnhaus gerät eine Mülltonne in Brand. Das Feuer greift auf die gedämmte Fassade über und breitet sich bis zur Traufe aus. Rauchgase dringen in das Gebäude ein; insbesondere im Ober- und im Dachgeschoss entstehen umfangreiche Brandfolgeschäden.

„Polystyrol verbrennt mit starker Rauchgasbildung, und dieser Rauch enthält toxische Schadstoffe“, erklärt Duvigneau, der im IFS für das Fachgebiet Brandfolgeschäden verantwortlich ist. Im hier beschriebenen Fall wies das IFS in den mit Rauchgaskondensaten verunreinigten Räumen Polycyclische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) nach, die Krebs verursachen und das Erbgut verändern.

Die Brandschadensanierung ist folglich aufwendig, wenn ein Gebäude mit diesem modernen Wärmeschutz betroffen ist. Hinzu kommt ein bisher ungelöstes Entsorgungsproblem: EPS-Dämmstoffe enthalten in der Regel das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD), das eine Brandausbrei­tung verlangsamt.

Hier ist auf einem Balkon die gedämmte Fassade eines Mehrfamilienhauses in Brand geraten.
Hier ist auf einem Balkon die gedämmte Fassade eines Mehrfamilienhauses in Brand geraten.

Brandschutz beim Bauen und Wohnen

Durch das Flammschutzmittel HBCD wird aus dem Polystyrol ein gefährlicher Abfall, der getrennt gesammelt, dokumentiert und einer „thermischen Verwertung“ zugeführt werden muss, bei der schwer abbaubare, organische Schadstoffe zerstört oder unumkehrbar umgewandelt werden. Allerdings haben viele Abfallverbrennungsanlagen dafür nicht die technischen Voraussetzungen. Weil eine Lösung für das sich auftürmende Entsorgungsproblem hermusste, setzte die Bundesregierung die Einstufung von HBCD-haltigen Dämmstoffen als Sondermüll im Dezember für ein Jahr aus. Nun arbeitet das Umweltbundesamt an einer neuen bundesweiten Verordnung.

Ist es erst einmal zum Brandausbruch gekommen, wird es also gefährlich, aufwendig und teuer. Umso wichtiger ist der Brandschutz. Das Bauordnungsrecht unterscheidet hier zwischen Gebäuden unterschiedlicher Höhe und Nutzungsart. Demnach ist für Hochhäuser und Krankenhäuser mit mehr als fünf Stockwerken eine Außenwandbekleidung aus EPS nicht zugelassen.

Einer Brandausbreitung wird mit Brandriegeln vorgebeugt. Wo und wie diese Streifen aus Mineralwolle gesetzt werden müssen, haben Fachverbände im Merkblatt „Brandschutzmaßnahmen bei WDVS mit EPS“ zusammengefasst, das auf der Internetseite www.heizkosten-einsparen.de kostenlos heruntergeladen werden kann.

Der Gutachter entnimmt eine Probe des Dämm-Materials.
Der Gutachter entnimmt eine Probe des Dämm-Materials.

Die besondere Brandgefahr im Sockelbereich

Soweit der bauliche Brandschutz. Doch auch das fertige WDVS braucht Aufmerksamkeit: Um einer Brandeinwirkung von außen vorzubeugen, empfiehlt das Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt), die Fassade regelmäßig zu kon­trol­lieren und Putzschäden schnell zu beseitigen. Außerdem sollte zwischen brennbaren Materialien und der gedämmten Außenwand ein Mindestabstand von drei Metern liegen. Sollen Mülltonnen aus Kunststoff direkt am Gebäude aufgestellt werden, dann in geschlossenen Einhausungen aus Stahl oder Beton, heißt es in einem Merkblatt des DIBt.

Das Brandrisiko ist offensichtlich. Eine Alternative sind Wärmedämmverbundsysteme aus nicht brennbaren Baustoffen.

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